Eine Antwort an Tanja Rahm

Liebe Tanja,

als regelmäßiger "Sex-Käufer" (ich bevorzuge eine andere Terminologie, aber meinetwegen) will ich gerne deinen Brief beantworten.

Du schreibst, dass du dich vor deinen Kunden und ihren "kranken Fantasien" geekelt und deinen Beruf gehasst hast. Das tut mir (ganz ehrlich!) leid, aber ich frage mich auch: Warum in aller Welt hast du ihn dann eigentlich gemacht?

Wenn man sich bei irgendeinem Job nicht wohl fühlt, gibt es eine ganz einfache Möglichkeit, damit umzugehen: Man kündigt und hört damit auf. Und bitte komm mir nicht mit Menschen, die nicht kündigen können, weil sie zur Sexarbeit (oder einer anderen Tätigkeit) gezwungen werden: Das finde ich genauso Scheiße wie du und jeder andere vernünftige Mensch. Aber darum geht es nicht. Du wurdest nicht gezwungen, genausowenig wie die meisten anderen Frauen und Männer (jeder fünfte bis zehnte Sexworker ist männlich!) dazu gezwungen werden.

Du hast es auch nicht gemacht, weil du das Geld unbedingt brauchtest. Nun, vielleicht brauchtest du schon Geld, aber das braucht jeder. Nur die wenigsten haben die Möglichkeit, in einem Job zu arbeiten, bei dem man ohne Ausbildung und Investitionen monatlich zwischen 2000 und 10000 Euro verdienen kann. Die meisten Menschen, auch die meisten deiner Kunden, verdienen nicht nur weitaus weniger, sondern haben auch keinen Job, der völlig ohne Schattenseiten auskommt. So etwas gibt es nämlich nicht - und genau deswegen wird man dafür bezahlt.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären: Du verachtest deine Kunden, zeichnest sie als perverse, verachtungswürdige Schweine. Du magst dich geekelt haben, du magst uns verachtet haben, aber unser Geld hast du ganz sicher nicht verachtet. Ich will dir etwas sagen: Mit deinem Brief verrätst du viel mehr über deinen Charakter, als über unseren. Denn du hättest einfach sagen können, dass du keinen Sex mit uns willst, auch nicht für Geld. Das hätten wir respektiert, aber dann hättest du auf das Geld verzichten müssen, und das wolltest du nicht. Deswegen hast du uns belogen, hast uns etwas vorgespielt, und jetzt, nachdem du bezahlt worden bist, singst du auf einmal die Hymne der männerhassenden Feminazis und erzählst uns, was für widerwärtige Kreaturen wir doch sind.

Wohlgemerkt, wir alle. Nicht nur die, die sich nicht an Vereinbarungen halten, und erniedrigende oder ausfällige Sachen sagen. Dafür haben wir nämlich auch kein Verständnis. Sondern alle. Ausnahmslos. Auch und gerade die, die dich "gut behandelt haben, lieb und zuverlässig waren, nie gemein waren und nie deine Grenzen überschritten [haben]". Denn gerade das wäre dann (Achtung!) "Ablehnung von Verantwortung".

Sag mal, geht's noch? Du trampelst nicht nur auf denen herum, von deren Geld du gut gelebt hast, sondern auch auf deinen Kolleginnen und Kollegen, die sich, ganz im Gegensatz zu dir, in ihrem Beruf Mühe geben, um ihrem Kunden ein paar schöne Stunden zu bereiten. Auch dann, wenn es schwer fällt, denn ja, nicht jeder von uns ist so attraktiv, gesund und jung, wie er es vielleicht gerne wäre. Manche sind deswegen auf Paysex angewiesen, andere schätzen es als Alternative oder Ergänzung zu einer Partnerschaft, für wieder andere ist es einfach nur eine Art der Freizeitgestaltung.

Aber niemand muss sich dafür schämen, dass er für Sex bezahlt, solange er sich an Abmachungen hält und die grundlegenden Formen von Anstand und Höflichkeit wahrt. Dazu gehört selbstverständlich auch, sein Gegenüber zu respektieren und eben gerade nicht zum (Hass-)Objekt zu degradieren. Nur: Wenn man dir glauben wollte, wäre jede Freundlichkeit, jedes nette Wort, jede höfliche Geste, sowieso von vorneherein nutzlos. Nur weil du deinen Job hasst, nur weil du Probleme mit dir, deiner Sexualität und Männern im Allgemeinen hattest oder hast, glaubst du, dass jede und jeder so empfindet.

Natürlich ist das nicht wahr. Und du erweist genau denen, die du (ohne sie gefragt zu haben) "schützen" willst, einen Bärendienst. Wer dir glaubt, ginge nämlich weiterhin zu Sexworkern (das geschieht seit Tausenden von Jahren und wird weitere tausende Jahre passieren, Verbote hin oder her), aber er bräuchte sich dort nicht mehr zu benehmen, weil, wenn man dir folgen wollte, das ja eh alles sinnlos wäre. Damit spielst du nur denen in die Hände, die tatsächlich andere erniedrigen, quälen und unterdrücken(*) wollen. Denn in keinem Umfeld geht das so gut wie in der Illegalität.

Du schreibst, Sex wäre "keine Ware". Das ist richtig, es handelt sich um einen Dienst an einem Mitmenschen. Die Gegenleistung kann Liebe sein, Geld, oder irgendetwas anderes. Solange es aus freien Stücken geschieht, ist nichts davon per se besser oder schlechter als das andere. Wer das Gegenteil behauptet, maßt sich an, über die Seele und den Körper anderer entscheiden zu dürfen - also genau das, was du Freiern vorwirfst.

Ein wirklicher "Neuanfang" sieht anders aus. Der müsste darin bestehen, als erstes die Freiheit jedes einzelnen Menschen zu respektieren, sein Leben so zu gestalten und seine Sexualität so auszuleben, wie sie oder er das möchte, einschließlich des Rechtes, sexuelle Dienstleistungen gegen Geld anzubieten und nachzufragen. Jeder Mensch ist anders, und jeder hat das Recht, sich (als Anbieter wie als Kunde) für oder gegen Sexarbeit zu entscheiden, ohne für diese Entscheidung herabgewürdigt oder verächtlich gemacht zu werden. Nicht Sex an sich ist Privatsache, sondern die Entscheidung, ob man es als Privatsache, oder als Geschäft, behandeln möchte. Nur wer anderen seine eigenen, privaten Vorlieben und Maßstäbe vorgeben oder aufzwingen will, ist immer im Unrecht.

(*) Zur Klarstellung: Das bezieht sich nicht auf freiwilliges BDSM, sondern auf echten Missbrauch. Den es (leider!) auch gibt, in der Branche und außerhalb.

Note to our english-speaking readers: Sorry for posting this in German, but since the original text isn't available in English either, I think it doesn't make too much sense to translate my response. The original text is a letter by danish ex-prostitute Tanja Rahm, who now finds that all patrons, regardless of their actual appearance and behaviour, are disgusting and should be ashamed. In short, I find if she doesn't like the business, she should just move along and let others do what they prefer to.

Puffmeister, 01/13/2014 13 comments

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